10.06.2006

Je komplizierter, desto stärker sind wir

In bis zu 15 einzelnen Arbeitsschritten fertigt die Offenburger Kratzer GmbH & Co.KG hochpräzise Metallteile

Präzision, auf die man sich verlassen kann, und muss, das ist das Geschäft von Kratzer in Offenburg. Sollten bei einem Notfall im Flugzeug die Atemmasken zum Einsatz kommen oder Dopingtests über Sportlerkarrieren entscheiden, dann sind ziemlich sicher bei Kratzer gedrehte oder gefräste Teile mit im Spiel. Denn die Offenburger Firma mit derzeit 265 Mitarbeitern gehört zu den Marktführern, wenn es um präzise gefertigte Metallteile geht. Und präzise heißt, auf ein tausendstel Millimeter genau.

"Bei uns spielt die Qualitätssicherung eine sehr große Rolle. Hier beschäftigen wir alleine 23 Mitarbeiter", beleuchtet Florian Kratzer, als Ingenieur für den technischen Bereich verantwortlich, den Produktionsprozess sozusagen vom Ende her. Rund 120.000 Euro kostet eine der sechs CNC-Messmaschinen, von der der Industriemechaniker Dirk Petersdorf gerade ein kleines, nur rund einen Zentimeter großes, vergoldetes Metallstück vermessen lässt. "Dieses Bauteil gehört zum neuen Radar-Abstandsmess-System von Bosch, das Auffahrunfälle verhindern soll", erklärt Dirk Petersdorf, der am Monitor die Messergebnisse mit den Soll-Werten vergleicht. Wie von Geisterhand gesteuert nimmt sich der Roboterarm einen neuen Messkopf, an dessen Spitze ein kleiner Saphir sitzt und tastet damit das zu prüfende Teil ab. Die Software für die Messmaschinen programmieren die Kratzer-Mitarbeiter übrigens selbst. Auf das Know-How ihrer Mitarbeiter ist die Firma stolz. Aber es muss auch viel dafür getan werden. "Wir hatten im vergangenen Jahr rund 500 Schulungen für Mitarbeiter", ergänzt Eckhard Bohn, als Geschäftsführer für den kaufmännischen Part verantwortlich. Und der Erfolg gibt ihnen Recht: "Das Teil für das Radar-System von Bosch haben andere nicht hinbekommen", ergänzt Bohn nicht ohne Stolz.

Kratzer könnte noch mehr wachsen, ließen sich denn mehr Facharbeiter finden, fügt Bohn hinzu. Solche wie Tobias Wieber, der im Werk II im Drachenacker gerade eine neue CNC-Drehmaschine einrichtet. Auf dem Tisch neben der Maschinensteuerung hat Tobias Wieber 15 Prüfstationen aufgebaut, an denen er die Edelstahlteile, die die Maschine ausspuckt, kontrolliert. Insgesamt 30 Merkmale müssen direkt nach der Produktion geprüft werden. Danach kommen die Teile noch zur "großen" Kontrolle in die CNC-Messmaschine. "Und dieses Bauteil, das in einem chemischen Analysegerät eingesetzt wird, ist noch ein einfacheres. Wir haben Werkstücke, die bis zu 160 verschiedene Merkmale haben", erklärt der gelernte Zerspanungsmechaniker und macht sich wieder an die Feinjustierung der Drehmaschine. "Je komplizierter die Anforderungen, desto stärker sind wir", bringt Florian Kratzer die Firmenphilosophie auf den Punkt. So werden bei Kratzer vor allem komplexe Teile gefertigt, die bis zu 15 verschiedene Arbeitsgänge erforderlich machen. Die nur rund 45 Kunden in aller Welt, die Stückzahlen zwischen 100 und 3,5 Millionen in Auftrag geben, nutzen diese Kompetenz immer wieder für Neuentwicklungen. So waren unter den 1400 verschiedenen Teilen, die Kratzer 2005 im Programm hatte, alleine 300 komplette Neuentwicklungen.

"Immer auf dem neuesten technischen Stand sein, das bedingt, dass ständig umgebaut wird", erklärt Florian Kratzer im Vorbeigehen an einer "Baustelle", wo hauseigene Handwerker gerade eine neue Maschine aufstellen. Und es braucht qualifizierte Mitarbeiter. So wird bei Kratzer Ausbildung groß geschrieben, rund 10 Prozent der Mitarbeiter sind Azubis und sichern so den dringend benötigten Fachkräftenachwuchs.

Und den zu finden ist nicht einfach, denn wenn das Stichwort Metallbearbeitung fällt, dann denkt man an ölige Böden, den typischen Geruch nach Metall und an Lärm. Doch von allem ist bei Kratzer kaum etwas zu bemerken. Ein bisschen Metallgeruch, tipptopp gepflegte Böden und sehr leise arbeitende High-Tech-Maschinen. In Paletten, fein säuberlich in Halterungen sortiert, die glänzenden, fertigen Metallteile, die sicherlich schon jeder, wenn auch unbewusst, in Aktion erlebt hat. Sei es der Zylinderkopf im modernen Dieselmotor, ein Bauteil im Hilti-Schlagbohrer oder eines im Fahrwerk eines Flugzeuges. Oder im Firmenwagen. "Da hinten in der Heckklappen-Hydraulik hat Opel auch Kratzer-Teile eingebaut", ergänzt Florian Kratzer mit Blick nach hinten bei der Fahrt zurück zur Zentrale in der Marlener Straße. Auf dass alles präzise funktioniert...


Info:

Die Firma: Kratzer GmbH & Co.KG
Die Chefs: Florian Kratzer, Eckhard Bohn
Geschäftsbereich: CNC gesteuerte Metallbearbeitung
(Drehen, Fräsen und Schleifen), Baugruppenmontage
Umsatz 2005: 37 Mio. Euro
Inhaberstruktur: Familienunternehmen
Standorte: Offenburg, Jasenná (Tschechien)
Mitarbeiter: 265 Mitarbeiter in Offenburg
Auszubildende: 2 Verwaltung, 20 Produktion
Gegründet: 1962
Besonderes: zertifiziert nach ISO 9002, ISO/TS 16949,
Umweltzertifizierung nach ISO 14001
Soziales: seit 1998 Gewinnbeteiligung für alle Mitarbeiter
Kontakt: www.kratzer.de